Letztens erregte eine israelische Dozentin vom College Emek Yizreel die Gemüter ihrer Studenten. Während einer Veranstaltung wurde sie von einer arabischen Studentin, gebeten, das gesamte Plenum für die Opfer des großen Angriffs auf Gaza, der über 125 Tote forderte, eine Schweigeminute einhalten zu lassen. Der Vorschlag wurde von der Dozentin angenommen, wobei sie auch betonte, dass die Schweigeminute natürlich allen Opfern gilt, nicht nur den palästinensischen. Schließlich erlitten die israelischen Städte Sderot und Ashkelon in den letzten Tagen ebenfalls ungewöhnlich viele Angriffe.
Was auf uns Unbeteiligte wie ein Akt der Solidarität und Anteilnahme wirkt, ist für die israelischen Studenten die reinste Provokation. Der Asta-Sprecher des Colleges, fragte dazu ironisch, ob man als Nächstes in den Fluren Bilder von arabischen Märtyrern aufhängen würde. Was innerhalb der Vorlesung mit einer Diskussion geschlichtet werden konnte, wuchs außerhalb zu einem Protest heran. Am nächsten Tag organisierten Studenten eine Demonstration.
Es ist nicht einfach zu begreifen, wie es zu so einer Reaktion auf eine Schweigeminute kommen kann. Und definitiv ist es nicht bloß mit der heiklen Lage im Gazastreifen zu erklären, bei der kaum einer noch weiß, wer schuld ist. "Ich zahle Steuern, damit diese Araberin an der Uni studieren kann und das einzige, was ihr Volk im Sinn hat, ist es mich zu töten oder mich zumindest aus meinem Land zu vertreiben. Da soll ich auch noch für die Opfer dieses Volkes Mitleid haben?", sagt ein älterer Kollege hier. Die Mehrheit der israelischen Studenten wurde vor dem Studium für die Armee verpflichtet und hatte dort jahrelang nichts anderes im Sinn, als das Land vor dem Feind zu beschützen. Das kleine Land kennt keine entspannte Lage und die meisten Familien hatten in ihrem näheren Umfeld schon Opfer zu beklagen. So kommt es, dass selbst die friedlichen Araber, die in Israel leben, mehr geduldet als akzeptiert werden. Die Anfrage der arabischen Studentin, wird als bewusste Provokation gesehen, während sie selbst auf ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung in einer Demokratie besteht.
Nicht nur der Auftritt der Studentin wird kritisiert, sondern vor allem das Entgegenkommen der Dozentin. "Von der habe ich schon mal gehört. Das ist eine Verrückte. Währe ich jetzt dort, würde ich mitdemonstieren. Das ist keine Kleinigkeit", sagt meine junge Kollegin, Studentin des Colleges.
Fragt man nach der generellen Meinung der Israelis, so wollen schon längst 64 Prozent der Bevölkerung die besetzten Gebiete zurück geben. Die Alteingesessenen Israelis sind der Konflikte müde. Das Feuer wird deren Meinung nach von den Neueinwanderern des Landes immer wieder neu entfacht. Die jüngste Generation der israelischen Einwanderern, meist aus der ehemaligen UdSSR, wird von einem gewaltigen Patriotismus gepackt. Viele von ihnen leben in den besetzten Gebieten aufgrund der günstigeren Immobilienpreise und wurden häufig Opfer von Anschlägen. Eine gemässigte Position in Israel, DEM Einwandererland ueberhaupt, zu finden wird zunehmend schwer. Denn auch die Ultra-Orthodoxen, die ihr altes biblisches Israel haben wollen, sind gar nicht bereit mit den Palaestinensern zu verhandeln. Das schlimmste an diesen ist jedoch, dass sie sich wie die Karnickel vermehren. "Die einzigen, die hier im Land noch links sind, sind diejenigen, die ihren Wehrdienst verweigerten," erklärte mir ein anderer Kollege. Es scheint also ein Teufelskreis zu sein. Das Land braucht diese Armee, wie nichts Gutes, kann den Konflikt jedoch kaum beenden, wenn sämtliche ihrer Bewohner den Nachbarn eben aufgrund der dort gesammelten Erfahrungen feindlich gesinnt sind...
"Balagan" heisst das auf hebräisch. Totales Chaos.