Und wieder bin ich hier in Israel in ein Gespräch geraten, das die ewige Schuldfrage der Deutschen aufwarf. Soll die neue Generation der Deutschen, die mit der NS-Zeit nie in Beruehrung kam, Schuldgefühele bezüglich der Katastrophe haben? Wieder war ich auf der Seite der jungen Deutschen, die entweder eh gar keine Schuldgefühle haben, oder diese schon ziemlich satt haben. Wir diskutierten zu Dritt. Zwei russischstämmige Israelis und ich. Erst habe ich meinen Standpunkt vertreten, dann wurde ich von meinem weltoffenen, jungen Kollegen dabei unterstützt, um am Ende vom Dritten mundtot gemacht zu werden. Er hatte leider das "beste" Argument: Seine Verwandten wurden beim Holocaust ermordet. Von da an, diskutierten nur noch die beiden weiter. Ich habe die Dreistigkeit dazu nicht gefunden, habe ich doch zuvor noch behauptet, mich inzwischen wie eine Deutsche zu fühlen.Als ich den beiden so zuhörte, kam mir die Idee, dass diese Grundsatzfrage ungefähr in die gleiche Kategorie einzuordnen ist, wie die Frage nach der Existenz Gottes. Das klingt vielleicht übertrieben, aber mal ernsthaft. Welcher Erwachsene diskutiert noch darüber, ob es Ihn gibt oder nicht? Jeder weiss, dass kein Vertreter der einen oder anderen Seite, seine Meinung in die eine oder andere Richtung ändern wird. Ähnlich verhält es sich scheinbar in der Schuldfrage. Und, mal ehrlich, was bringen diese Diskussionen? Was ändert es auch, wenn eine ganze Nation sich noch 100 Jahre laenger schuldig fühlt? Es geht hier nicht um die finanziellen Entschädigungen fuer die Opfer, die das Mindeste waren, was Deutschland tun konnte. Es geht auch nicht um irgendeine Entschuldigung für die Greuetaten von damals. Es geht irgendwie also um ein Gefühl, das die Deutschen permanent haben sollen und das eigentlich keiner überpruefen oder jemandem auferlegen kann. Also lassen wir die Diskussionen, die nur Streit bringen, und akzeptieren die andere Meinung, wie den anderen Glauben.Nach dem ich also als "Deutsche" voellig untergebutter wurde, ging es rein nach Jerusalem. Zu den Siedlungen, die auf palaestinensischem Gebiet gebaut werden. Derselbe Mensch, der eben noch über die Deutschen schimpfte, fand einen nahtlosen Uebergang zur Palästinenserschelte. Mit seinen Worten "Du hast Mitleid mit den Deutschen. Hast du auch Mitleid mit diesen Cretins?" verflog meine Aufregung langsam. Dafuer kam der Regen und ich war froh, im Auto neben diesem Nörgler zu sitzen.
Jetzt habe ich endlich mein neues Quartier in Tel Aviv bezogen und meinem netten Bekannten sein eigenes Bett wieder ueberlassen. Trotzdem hat er mich schon gefragt, ob ich nicht bleiben will, er habe sich schon an mich gewoeht. Ich mich an ihn zwar auch, aber ich bin trotzdem froh, endlich eigene vier Waende zu haben. Einen Haken hat die Sache allerdings schon: Am Wochenende darf ich mich da nicht aufhalten. Meine Vermieterin scheint was ganz Besonderes zu sein. Noch nie wurden mir so viele Regeln auferlegt. Ich soll die Fensterlaeden bitte schliessen, wenn ich gehe, in Klo und Bad bitte die Fenster stets geoeffnet haben, ihr Geschirr moeglichst nicht benutzen, den Schluessel an einen besonderen Platz legen, wenn ich da bin, und nicht zu vergessen all die Nebenkosten, die noch auf mich zukommen. Uff...
Ansonsten wird mein ganzer Aufenthalt hier von einem schlimmen Umstand ueberschattet: Ich habe nur EIN paar Turnschuhe dabei, die sind neu und haben mir die krasseste Blase am Fuss hinzugefuegt, die ich je hatte! Jeden meiner Schritte muss ich also ganz genau ueberdenken, was nicht leicht ist in einer Stadt, in der du dich nicht mit den oeffentlichen Verkehrsmitteln auskennst... Eigentlich koennte ich hier alles zu Fuss ablatschen, so gross ist das nicht. Aber diese Schmerzen... au, au, au! Deshalb habe ich gestern schon mal die Flipflops-Saison eingelaeutet. Als einzige in ganz Tel Aviv, vermute ich. Aber egal, mein Fuss dankt es mir. Und es war auch wirklich sonnig!
Ein wenig komme ich mir vor wie eine Touristin im Schnelldurchlauf. Ich werde vom Kamerateam morgens mitgenommen (z.B. nach Jerusalem, wie die letzen beiden Male), zum Drehort gebracht und nach den kurzen Aufnahmen (nie laenger als eine Stunde) wieder zurueck zum Studio gebracht. Die meisten Eindruecke bekomme ich also aus dem Autofenster...